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Es gibt nichts Großes ohne Einfachheit. (Leo Tolstoi)
Einfachheit scheint mir eine Tugend zu sein, die mir hilft, mein Leben mit wissbegierigen Augen anzugehen, indem ich mich meinen Lebenserfahrungen stelle, ohne sie im Voraus zu beurteilen. Es bedeutet, nicht nur intellektuell zu wachsen, sondern die Theorie im praktischen Leben umzusetzen, um daraus Großes entstehen zu lassen. Es geht nämlich nicht nur darum, Wissen intellektuell anzuhäufen, sondern es im Alltag anzuwenden. Dadurch entsteht Erkenntnis und Verständnis für den anderen. Wenn ich die Dinge selbst in die Hand nehme, vor keiner Tätigkeit zurückschrecke, vielmehr in jeder Tätigkeit die Wichtigkeit erkenne, indem ich sie selbst ausführen kann und auch will, nehme ich keiner Tätigkeit die Würde, die sie verdient. Im Gegenteil, ich erkenne, dass jede Tätigkeit ihre Berechtigung hat und dass aus dem Zusammenspiel aller Aufgaben (einfacher wie schwieriger) etwas Großes entstehen kann.
Vor einiger Zeit nahm ich an einem zweitägigen Seminar teil, das von einem sehr kompetenten Kursleiter angeboten wurde. Eine Teilnehmerin meldete sich bereits nach etwa einer halben Stunde zu Wort und teilte der Gruppe mit, dass ihr der Inhalt zu langsam vorgetragen würde und dass sie deswegen entschieden habe, den Workshop vorzeitig abzubrechen. Der Kursleiter ging auf diese unerwartete Unterbrechung mit sehr viel Verständnis ein und meinte, ob die Teilnehmerin nicht zu früh glaubte, sich eine Meinung gebildet zu haben. Er teilte ihr gleichzeitig auch mit, dass es ihre Entscheidung sei und dass er sich nicht in ihre Entscheidung einmischen wolle. Die Teilnehmerin hielt an ihrer Entscheidung fest, indem sie behauptete, alles schon zu wissen und dass sie es daher nicht nötig hätte, weiter ihre Zeit "vergeuden" zu wollen. Mit Erstaunen nahm der Rest der Gruppe ihre Entscheidung hin und erkannte, worin der Unterschied zwischen intellektuell angehäuftem und angewandtem Wissen lag. Nach dem zweitägigen Seminar waren wir Teilnehmer alle begeistert von den vorgestellten Inhalten, da wir auf anschauliche Art und Weise großartige Lernfortschritte machen durften.
Wie oft passiert es, ähnlich wie im Beispiel der Kursteilnehmerin, die vorzeitig aus dem Seminar ausscheiden wollte, dass Menschen anderen Menschen gar nicht mehr zuhören, weil sie glauben, eine Stufe weiter zu sein und nichts mehr lernen zu müssen? Wie oft passiert es, dass Führungskräfte kein Verständnis für und keinen Einblick in die Tätigkeiten ihrer Mitarbeiter haben, weil sie glauben, dass ihre Aufgabenfelder wichtiger seien als jene ihrer Mitarbeiter? Wie oft passiert es andererseits, dass Mitarbeiter für die verantwortungsvollen Aufgaben ihrer Vorgesetzten kein Verständnis haben, weil sie sich deren Alltag nicht vorstellen und daher auch nicht in deren Situation hineinversetzen können?
Dieser Art von Missverständnis kann am besten vorgebeugt werden, indem allen Tätigkeiten die gleiche Bedeutung zuerkannt wird, indem jeder erkennt, dass auch die einfachste Tätigkeit für den gesamten Ablauf unabdingbar ist und insofern ihren Stellenwert hat. Dies wiederum führt dazu, dass sich niemand wichtiger oder weniger wichtig nimmt, sondern man erkennt, dass jeder einzelne zählt und dass sein Einsatz notwendig ist, um miteinander an etwas Großem arbeiten zu können.
Wenn Führungskräfte eine Atmosphäre des achtungsvollen Umgangs praktizieren, indem es ihnen nicht zu schlecht ist, einfache Tätigkeiten selbst in die Hand zu nehmen, dann fungieren sie als lebendes Vorbild, das ansteckend wirkt. Wenn sie ihren Mitarbeitern vorleben, wie sie selbst den Abfalleimer ausleeren bzw. wie sie selbst die Ware für die Auslieferung verpacken ... dann erkennen die Mitarbeiter in dieser Figur einen Menschen, dem jede Tätigkeit wichtig ist und der jeden Mitarbeiter genauso respektiert und daher auch ihre Achtung verdient.
Abgesehen davon, welche positive Wirkung diese Arbeitseinstellung auf die Arbeitsmoral hat, so gibt die handwerkliche bzw. manuelle Tätigkeit dem Menschen zudem die Möglichkeit, sich selbst als Gesamtheit zu erfahren. Das Auseinanderklaffen zwischen der so genannten intellektuellen und manuellen Arbeit hat sich immer mehr auch in unserem Schulsystem festgefahren. Die handwerklichen Berufe haben zu Gunsten der akademischen Berufe an Stellenwert verloren, so dass immer mehr Menschen an die Universität drängen, und andererseits die handwerklichen Berufe in vielen Fällen entweder verschwinden oder von jenen Menschen ausgeübt werden, die es anscheinend nicht in einen akademischen Beruf schaffen. Das bedeutet, dass die Gesellschaft jene Berufsgruppen, für die keine weitere höhere Schulbildung notwendig ist, als etwas Unwichtigeres einstufen, so dass sie in der Gesellschaft nicht die entsprechende Beachtung finden.
Diese Sichtweise scheint sich nun langsam zu korrigieren. Nicht nur deswegen, weil die Gesellschaft Schritt für Schritt erkennt, dass sie ohne bestimmte Berufsgruppen nur schwer zurechtkommt, sondern auch deswegen, weil der Mensch selbst erkennt, dass er mehr ist als nur ein intellektuelles Wesen, dass er sich nicht zuletzt auch körperlich und manuell ausdrücken kann und will und sich über einen multisensorischen Ausdruck besser und vollständiger entfalten kann. Die handwerkliche Arbeit wird sozusagen zu einer Art Seelenmedizin, wie es der amerikanische Philosoph Matthew Crawford ausdrückt.
In seinem Buch „Ich schraube, also bin ich: Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen.“ plädiert er für ein handwerkliches Können und stellt unsere Gesellschaft in Frage, die ihre Aufmerksamkeit zu sehr darauf lenkt, akademisch ausgebildeten Menschen einen höheren Stellenwert einzuräumen. Selbst promovierter Philosoph und Mitarbeiter des „Institute for Advanced Studies in Culture“ an der Universität von Virginia ist er gleichzeitig auch Inhaber und Betreiber einer Motorradwerkstatt, in der er selbst Hand anlegt und Motorräder repariert. Er ist fest davon überzeugt, dass der Mensch die Dinge mit den eigenen Händen angreifen MUSS, um sie richtig zu begreifen. Denn nur dadurch lernt er, bewusster mit den Dingen umzugehen und mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Er lernt auch, sich seiner Besitztümer bewusster zu werden, mehr Dankbarkeit dafür zu empfinden, sich weniger von anderen Menschen abhängig zu machen und nicht zuletzt mit seiner Umwelt respektvoller umzugehen.
Es scheint also wirklich so zu sein, dass wir in der Einfachheit der Dinge besser unseren Eigenwert erfahren und daher auch im Stande sind, kreativer mit den Herausforderungen des Alltags umzugehen. In der Einfachheit liegt also die Grundlage für das Große.
Dr. Martina Holzer Geromin ist Coach und Erziehungsberaterin, Mitbegründerin von www.trans4mind.de und bietet neben Einzelberatungen auch sämtliche Workshops an (siehe www.be-you-unique.com).