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Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken. (Galileo Galilei)
Ich sitze im Hörsaal und beobachte die jungen Menschen um mich herum. Wahrscheinlich sind um die 200 Studenten anwesend, die gespannt auf den Beginn ihrer Vorlesung warten. Der Professor trifft die letzten technischen Vorbereitungen für den Unterrichtsbeginn und um Punkt 10 Uhr beginnt er seine Vorlesung. In Sekundenschnelle wird es so still, dass man eine Haarnadel auf den Boden fallen hören könnte. Die Studenten folgen mit Hingabe und Interesse den Ausführungen des Professors, sie stellen Fragen, wenn etwas nicht ganz klar ist und im ganzen Hörsaal herrscht eine Lernstimmung, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe.
Die hier anwesenden Studenten scheinen zu wissen, warum sie hier sind. Sie wollen entdecken, sie wollen lernen, sie wollen hinterfragen, sie wollen verstehen, ergründen, erfahren, Antworten finden und sich weiterentwickeln. Sie sind neugierig und freuen sich über die Ausführungen des Professors, der ihnen hilft, diesen Entdeckungsdrang zu stillen oder zumindest zu sänftigen.
Dieses Erlebnis hatte ich vor einigen Wochen, als ich an einer renommierten Universität als Gast einer Vorlesung lauschte. Nachdem ich selbst einige Jahre an einer Universität unterrichtet hatte und immer wieder die Erfahrung machte, dass einige Studenten mitunter nicht bewusst und mit Freude ihrem Fach auf den Grund gingen und daher entsprechend motivationslos an den Vorlesungen und Übungen teilnahmen, war es für mich eine wichtige Erkenntnis zu erfahren, dass dort, wo Bildung durchwegs noch so vermittelt wird, die Neugier zu entfachen, das Hauptaugenmerk in der Tat darauf gelegt wird, den Entdeckungsdrang des jungen Menschen anzukurbeln und ihn zu einem kritischen Denker zu erziehen.
Erfährt sich der junge Mensch nicht nur als rezeptives Wesen, wie es noch zu oft in unserem Bildungssystem praktiziert wird, erkennt er auch seine Einzigartigkeit, seine ganz persönlichen Talente, Begabungen und Fähigkeiten. Er erkennt, dass er bei entsprechendem Einsatz aus dieser Einzigartigkeit schöpfen, seiner Kreativität vertrauen und in einem unterstützenden Umfeld als Person wachsen und sein Wissen immer weiter ausbauen kann. Er erlebt Lernen als etwas Faszinierendes, als ein Geschenk, das es ihm ermöglicht, sich zu entfalten und sich immer wieder neu zu entdecken. Dies ist die Weichenstellung, den jungen Menschen zu einem autonomen Lernansatz heranzuführen, da er merkt, dass er sich über das in der Schule bzw. in der Vorlesung Gelehrte hinausentwickeln kann und dass auch das Umfeld an diesem Prozess interessiert ist.
Der autonome Lerner ist ein Mensch, der sich selbstständig, mit geringer Hilfe von außen, aus eigenem Interesse und mit Freude und Begeisterung an neue Inhalte heranwagt, sie untersucht und durch sie neue Wege findet. Er versteht, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist, der es dem Individuum ermöglicht, sich individuell weiterzuentwickeln und gleichzeitig auch einen positiven Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Der autonome Lerner übernimmt eine große Verantwortung, indem er durch sein Lernverhalten und seine Lerneinstellung zur Heranbildung einer gesellschaftlichen „Elite“ beisteuert. Er ist intrinsisch motiviert, verfügt über eine ausdauernde Lernmotivation, die ergebnisorientiert ist. Der autonome Lerner ist ein nach Lösungen orientierter Mensch, der auf seine kreativen Ideen vertraut, sie entweder alleine oder mit der nötigen Hilfe anderer umsetzt. Er verfügt über ein vernetztes Denken und weiß um die Wichtigkeit seiner Aufgabe und seines Einsatzes.
Wenn das Bildungssystem im Stande ist, junge Menschen zu autonomen Lernern werden zu lassen, ist der Grundstein für ein gelungenes Erziehungsmodell gelegt. Das pädagogische Ziel des autonomen Lernens ist es nicht, den Lerner auf sich allein gestellt, ohne äußere Hilfe, arbeiten zu lassen. Es geht also darum, ganz im Sinne der Aussage von Galileo Galilei, dem jungen Menschen zu helfen, diese in ihm bereits vorhandene Neugier zu wecken und sich im Interesse seiner selbst und seiner Umwelt stets neu zu entwickeln. Auf diese Art und Weise lernt der junge Mensch, Verantwortung zu übernehmen, da er erkennt, dass es auf seinen Beitrag ankommt und dass es nicht gleichgültig ist, wie er sich entwickelt.
Fördern wir daher ein Erziehungs- und Bildungssystem, in dem wir alle (Lehrer, Professoren, Eltern, Erziehungsberechtigte, Psychologen u.s.w.) darauf aufbauen, die Neugierde unserer Kinder und Jugendlichen aufrecht zu erhalten und ihnen entsprechend zur Seite zu stehen! Anstatt sie miteinander zu vergleichen, helfen wir ihnen, sich selbst zu entdecken, damit sie mit Freude und Vertrauen die Herausforderungen ihres Lebens annehmen und grundsätzlich immer die Freude am Lernen aufrecht erhalten mögen!
Ich bin mir sicher, dass die eingangs beschriebene Erfahrung dann nicht mehr nur eine Ausnahme darstellen wird, sondern sich langsam zum Regelfall entwickeln wird.