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←    Geben wir unserer Kreativität eine Chance!

Kreativität erfordert den Mut, Sicherheiten loszulassen. (Erich Fromm)

Sicherheiten loszulassen ist nicht so einfach, wenn man bedenkt, wie sehr man an ihnen festhält. Sicherheiten sind im Grunde angelernte Gewohnheiten. Alles, was wir kennen, scheint uns Sicherheit zu geben. Die Familie, die uns nach einem bestimmten Muster aufzieht, vermittelt uns ein ganz bestimmtes Weltbild; die Freunde, mit denen wir uns abgeben, prägen unser Verhalten. Das Umfeld, in dem wir uns aufhalten, beeinflusst ebenso unser Denken u.s.w.

Wir entwickeln durch diese Gegebenheiten ganz klare Gewohnheiten. Wir lernen z. B. in der Schule, dass bestimmte Fächer wichtiger sind als andere und passen uns langsam diesen Strukturen an. Wir glauben, dass Mathematik, Sprachen, Biologie, Physik, Chemie wichtiger seien als Kunsterziehung, Leibeserziehung oder Musikerziehung. Damit wachsen wir mit der klaren Botschaft auf, dass wir nur dann, wenn wir in den so genannten Hauptfächern gut sind, in der Schule einen Platz finden. Dadurch lernen wir, uns an das System anzupassen, damit wir später im Beruf und im Leben Erfolg haben werden.

Aus dieser Botschaft entsteht die Meinung, dass ich nur dann ein Fortkommen habe, wenn ich es mir angewöhne, in den von der Schule vorgegebenen Fächern gut zu sein. Das gibt mir Sicherheit und die Bestätigung, dazu zu gehören, in den Rahmen zu passen, den die Gesellschaft mir vorgegeben hat.

Menschen, die sich in diesem Rahmen nicht zurechtfinden, werden zu Außenseitern und sie werden oft versucht, mit unterschiedlichsten Methoden an das System anzupassen.

Im Laufe meiner Unterrichtstätigkeit hatte ich immer wieder mit Schülern und Studenten zu tun, die sich nicht in diesen Rahmen haben zwängen lassen. Vielfach wurden diese Schüler vom System verbogen oder ignoriert, das zur Folge hatte, dass sie entweder rebellierten oder dass sie sich einfach in ihre Welt zurückzogen und durch Apathie, Desinteresse, Widerwillen... auffielen.

Besonders schlimm traf es jene Schüler, die eine besonders ausgeprägte Begabung hatten, die teilweise über die Kenntnisse und das Wissen ihrer Lehrer hinausging. Ich mag mich an einen besonderen Fall erinnern, in dem ein Mädchen verzweifelt nach einer Lösung suchte, um seine Talente entwickeln zu dürfen. Dies führte dazu, dass es von einer Schule zur anderen gewandert war, Klassen übersprungen hatte, bis es endlich in einem schulischen Umfeld landete, in dem seine Interessen, Neigungen und Talente individuell so sehr gefördert wurden, dass aus einem depressiven Mädchen, das schon zweimal einen Selbstmordversuch verübt hatte, eine neugierige, offene, lebensfrohe und begeisterungsfähige junge Frau wurde, die durch ihre brillante Lernwilligkeit auch ihre Mitschüler in ihren Sog der Lernfreude mitreißen konnte.

Es ist eine Tatsache, dass das Unterscheiden in so genannte Haupt- und Nebenfächer eine Erfindung der wirtschaftlichen Gegebenheiten, besonders nach der Industriellen Revolution, war, in dem das Hauptinteresse darin bestand, Menschen heranzubilden, die in den Industrialisierungsprozess eingebunden werden konnten, um die Produktivität zu steigern. Produktivität bedeutete gleichzeitig Gewinnmaximierung.

Langsam gewöhnte sich der Mensch an dieses System, holte sich daraus seine Sicherheiten, weil er wusste, dass er im Falle der Anpassung an diese Umstände einen sicheren Beruf erlernen konnte, der ihm bis an sein Lebensende die finanzielle Absicherung ermöglichte.

Menschen, die sich in diesem System nicht zu Hause fühlten, weil ihre Talente anders gelagert waren (in der Musik, in der Literatur, in der Kunst...), erlitten teilweise Höllenqualen, weil sie sich durch diesen Ansatz fast vergewaltigt fühlten.

Ein gutes Beispiel dafür ist mit Sicherheit der deutsche Schriftsteller Hermann Hesse, der in seiner Erzählung "Unterm Rad" unter anderem den schulischen Druck und die Ausrichtung der Schule auf gewisse "wichtige" Fächer anprangerte. In dieser Erzählung wurde ganz klar beschrieben, wie ein erfolgreicher Schüler zu sein hatte: Er musste lernen, auch in den Ferien; er musste sich mit den Inhalten der Hauptfächer auseinandersetzen; es gab keinen Platz für die Muse, für die Natur, für die Bewegung...

Auch wenn diese Erzählung im Jahre 1906 erschien, so kann man doch Querverbindungen in die heutige Zeit herstellen. Das heutige Schulsystem ist nämlich immer noch darauf aufgebaut, die Schüler eher einseitig auszubilden. Analytische, wissenschaftliche, sprachliche und logische Fächer, die vor allen Dingen die linke Gehirnhälfte in Anspruch nehmen, erfahren weit mehr Beachtung und Raum als so genannte kreative Fächer, die besonders für die Ausbildung der rechten Gehirnhälfte und für eine Interaktion der beiden Gehirnhälften von Bedeutung wären.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es notwendig wäre, unser Schulsystem neu zu definieren, und zwar so, dass es möglich wäre, allen Schülern auf individuelle Art und Weise gerecht zu werden.

Spätestens seitdem wir wissen, dass es Nonsens ist, Intelligenz durch eine Maßeinheit (Intelligenzquotienten) festzulegen, und dass Intelligenz vielmehr vielschichtig, entwicklungsfähig und individuell unterschiedlich ist (siehe Howard Gardner, Robert Sternberg, Daniel Goleman), sollten die Bildungs- und Schulverantwortlichen dafür sorgen, den Lehrplan der Schulen so auszurichten, Kindern und Jugendlichen eine holistische Ausbildung zu ermöglichen, in der jeder seinen Platz findet und jeder nach seinen Begabungen entsprechend gefördert und begleitet wird.

Wenn das gelingt, dann lernt der junge Mensch auch wieder das, was ihm durch die Geburt mitgegeben wurde, und zwar sich auf seine Kreativität zu verlassen und gewohnte, angelernte Muster über Bord zu schmeißen.

Kreativität kommt bekanntlich vom lateinischen Wort "creare", was so viel bedeutet wie etwas Neues zu schaffen, etwas herzustellen, Wege zu finden, um eine Idee, die vorerst im Kopf als Vorstellung, als Traum entstanden ist, in die Tat umzusetzen; vielleicht auf eine Art und Weise, die es bisher noch nie gab.

Richard Feynman, ein Welt bekannter amerikanischer Physiker und Nobelpreisträger, sagte beispielsweise, dass für ihn Mathematik eine Kunst sei, da er die Probleme nicht mit Hilfe bereits vorhandener Theorien zu lösen versuchte, sondern mit Hilfe seiner kreativen Ideen.

Albert Einstein seinerseits holte sich diese kreativen Inputs über die Musik. Wenn er in seinem Denkprozess festgefahren war, nahm er seine Geige und entspannte sich durch die Musik so sehr, dass ihm plötzlich, während seines Spiels, die einleuchtende Idee kam, die ihn voranbrachte.

Wir sehen an diesen Beispielen, dass Kreativität nichts mit Gewohnheiten zu tun hat, sondern vielmehr damit, sich von den Gewohnheiten zu verabschieden, sich mit seiner Vorstellungskraft zu vereinen, indem man sich auf die eigenen Stärken besinnt und mit deren Hilfe eigene und neue Wege "kreiert", welche es ermöglichen, den Traum nicht nur zu träumen, sondern ihn auch zu leben.

Das ist mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen, wie uns die Lebensgeschichten besonders kreativer Menschen aufzeigen. Aber was sie uns lehren, ist unter anderem die klare Botschaft, dass es den Mut braucht, von Gewohnheiten loszulassen, um der eigenen Kreativität auf die Sprünge zu helfen.

Dr. Martina Holzer Geromin ist Coach und Erziehungsberaterin, Mitbegründerin von www.trans4mind.de und bietet neben Einzelberatungen auch sämtliche Workshops an (siehe www.be-you-unique.com).

 

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