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←    Eine etwas andere Betrachtungsweise der Krise...

Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen. Das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit. (J.F. Kennedy)

Krisen gehören zum menschlichen Leben wie das Salz in die Suppe. Das Wort selbst, das aus dem Altgriechischen "krìnein" stammt, bedeutet, sich von etwas zu trennen, sich für bzw. gegen etwas zu entscheiden. Insofern ist Krise für den Menschen ein Wendepunkt, in der er eine Entscheidung treffen muss bzw. soll, um aus der Situation, in der er sich befindet, etwas für sich zu lernen. D. h. die Situation selbst ist ein Hinweis auf eine klare Gefahr, die in sich die Gelegenheit birgt, sich zu verbessern, dazuzulernen und über sich hinauszuwachsen.

Sieht der Mensch in der Krise diese positive Perspektive, wird ihr die Dramatik genommen. Der Mensch fühlt sich ihr gegenüber nicht mehr passiv ausgesetzt, sondern erkennt, dass er sich ihr mit offenen Augen stellen und im Kleinen seinen Beitrag leisten kann, um aus der krisenhaften Situation Wert zu schöpfen und sich neu zu entwickeln. Jede Krise will dem Menschen etwas Konkretes mitteilen, etwas Konkretes vor Augen führen; sie will ihm die Gefahren aufzeigen, denen er ausgesetzt ist, wenn er die Krise nicht ernst nimmt, wenn er die Lehre, die daraus zu ziehen ist, nicht zu erkennen bereit ist.

Die derzeitige wirtschaftliche Situation vieler europäischer und industrialisierter Staaten, die sich in einer so genannten Krise befinden, führt uns beispielsweise ganz klar vor Augen, was uns diese Krise sagen will: Ein Staat, der jahrelang über seine Verhältnisse lebt und sein Wachstum auf einem Schuldenberg aufbaut, kann nicht auf Dauer überleben. Dieses auf Schuldenanhäufung aufgebaute Wirtschaftssystem hat sich sowohl auf die Arbeitsweise von Unternehmen als auch auf das Konsumverhalten vieler einfacher Staatsbürger abgefärbt, so dass sowohl private wie betriebliche Haushalte mittlerweile so sehr verschuldet sind, dass es ihnen kaum möglich ist, diese Schulden aus eigenen Kräften zurückzuzahlen.

Erkennen wir diese Gefahr rechtzeitig, können wir darin die Gelegenheit sehen, diesen Ausartungen entgegenzuwirken, indem wir die Verantwortung für unser Handeln auf uns nehmen und dafür sorgen, nicht mehr über unsere Verhältnisse zu leben und stattdessen dafür zu sorgen, uns auch auf das Sparen zu konzentrieren und darauf zu achten, dass unsere Ausgaben unsere Einnahmen nicht regelmäßig übersteigen.

Ähnlich verhält es sich mit der Krankheit. Sie ist der Ausdruck von einer Krise des Körpers, der Psyche oder der Seele. Die Krankheit kann, wie unter anderen Dr. Rüdiger Dahlke meint, als Sprache der Seele verstanden werden.

Dessen war sich schon Hippokrates von Kos, einer der berühmtesten antiken Ärzte der abendländischen Kultur und "Vater" der heutigen Medizin, bewusst. Nicht umsonst forderte er die Ärzte bereits im 5. Jahrhundert vor Christus dazu auf, jedem Leidenden "ganzheitlich" zu begegnen; den Menschen also nicht nur auf seine Symptome zu reduzieren und ihn wie eine Maschine zu "reparieren", sondern zu verstehen, dass der Patient als Ganzes gesehen werden muss. Im Vordergrund muss laut ihm die menschliche Komponente stehen; ein Arzt also, der sich für seinen Patienten Zeit nimmt und dem Patienten dabei Wege aufzeigt, wie er ein ausgeglichenes Leben führen kann.

Die Aufgabe des Arztes ist es dabei auch, ihn auf diesem Weg zu begleiten, d. h. nicht nur da zu sein, wenn eine Krankheit bereits ausgebrochen ist, sondern ihm auch präventiv zur Seite zu stehen.

Auf jeden Fall ist es Aufgabe des Arztes, dem Menschen dabei zu helfen, zu verstehen, was ihm die Krankheit sagen möchte. Vielleicht ist sie eine Aufforderung dazu, etwas mehr Ruhe und Entspannung ins Leben einzubauen, sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen, ab und zu bewusst einen Urlaub einzuplanen, sich ausgeglichener zu ernähren, sich mehr bzw. regelmäßiger zu bewegen... Die Krankheit mag wahrscheinlich ein Hinweis auf die Lebensführung des Patienten sein, sie mag ihm eine Gelegenheit bieten, seine Situation zu überdenken, vielleicht Abstand zu nehmen und eine Entscheidung zu treffen, die aus der Krankheit unter Umständen sogar "Nutzen" zieht.

Norman Cousin (1915-1990) z.B. erkrankte bereits als 11jähriges Kind an Tuberkulose und ließ sich auf Grund seiner Lebensgeschichte zum Arzt ausbilden. Er war fest davon überzeugt, dass sich Lachen und Humor auf den Krankheitsverlauf positiv auswirken und die Heilung beschleunigen würde. Als ihm die Ärzte bereits als Kind mitteilten, dass er nicht mehr lange zu leben hätte, war das für ihn ein Anlass, besonders viel an sich zu arbeiten und später als erwachsener und ausgebildeter Arzt ein Genesungsprogramm zu entwickeln, das aus der Verabreichung einer großen Dosis Vitamin C verbunden mit einer positiven Einstellung aufbauend auf Liebe, Glauben, Vertrauen und Humor bestand.

Norman Cousin sagte selbst: "Ich habe die freudige Entdeckung gemacht, dass 10 Minuten vom Bauch kommendes, herzliches Lachen eine anästhetische Wirkung hat und mir mindestens zwei Stunden schmerzlosen Schlafes bescheren würde. Sobald dieser Schmerz freie Effekt nachließ, genügte es, mich an etwas Lustiges zu erinnern und dies führte wiederum häufig zu einem weiteren schmerzfreien Intervall."

Auch dieses konkrete Beispiel ist ein klarer Hinweis darauf, dass eine Krise zwar eine Gefahr darstellt; aber bei einer objektiven Betrachtungsweise (die mit Sicherheit nicht immer leicht fällt und vom Betroffenen sehr viel Disziplin abverlangt) kann sie eine Gelegenheit sein, den Sinn dieser Situation zu erkennen. Für Norman Cousin war es die Aufgabe, sich dem Beruf des Arztes zu verschreiben, um Menschen aufzuzeigen, dass es Heilung gibt; vor allen Dingen dann, wenn der Mensch als Ganzes gesehen wird und erkennt, dass er selbst seinen Heilungsverlauf verbessern und beschleunigen kann.

Krise wird also daher besonders dann ein Problem, wenn der Mensch darauf nicht reagiert, wenn er nicht bereit ist, die Lehre aus ihr zu ziehen. Dann liegt darin mit Sicherheit eine große Gefahr, weil es dadurch unter Umständen zum Zusammenbruch kommt. Die Schulden fressen den Menschen auf, die Krankheit verschlimmert sich, die zwischenmenschlichen Beziehungen verschlechtern sich u.s.w.

Ist der Mensch aber bereit, aus der nötigen Distanz die Situation zu betrachten und dadurch zu erkennen, welcher Handlungsbedarf notwendig ist, dann ergeben sich daraus neue Chancen, neue Handlungsperspektiven. Das heißt, wie Max Frisch behauptet, dass "Krise ein produktiver Zustand sein kann. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen."

Dr. Martina Holzer Geromin ist Coach und Erziehungsberaterin, Mitbegründerin von www.trans4mind.de und bietet neben Einzelberatungen auch sämtliche Workshops an (siehe www.be-you-unique.com).

 

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