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←    Die Macht der Kommunikation

Die Menschen zur Freiheit bringen, das heißt, sie zum Miteinander reden bringen. (Karl Jaspers)

Wie oft geschieht es, dass wir zwar miteinander zu reden glauben, aber doch aneinander vorbeireden, das Gefühl haben, der andere verstehe uns nicht oder er/sie höre uns gar nicht richtig zu. Warum ist das so?

Tatsache ist, dass wir nie wertfrei sind, dass wir alles interpretieren, dass wir das, was wir sagen und hören, über unseren eigenen Filter unserer ganz persönlichen Wahrnehmung beurteilen und bewerten. Jede Kommunikation ist also im Prinzip eine Projektion der eigenen Wahrnehmung der Welt, die uns umgibt. Was wir in anderen sehen, gibt uns Auskunft über uns selbst, es gibt uns Auskunft darüber, was uns am meisten beschäftigt.

Meine Wahrnehmung wird nämlich von meinen ganz persönlichen Denkmustern, Überzeugungen und Werten gesteuert, die ich in meinem Leben für mich geschaffen habe. Gewisse Denkmuster entwickeln sich sogar zu verallgemeinerten Stereotypen bzw. Vorurteilen. Wenn wir beispielsweise sagen, Menschen seien grundsätzlich neidisch, dann gebrauchen wir eine universelle Sprache und stülpen allen Menschen diesen Stempel auf. In der Kommunikation mit den Mitmenschen fließt diese Skepsis dann immer mit ein. Projektionen sind sozusagen gespeist von der Erfahrung und der Erwartung an eine Situation. Eine Projektion ist z. B., wenn man glaubt, ein Schwarzer sei grundsätzlich ein Krimineller, eine Frau könne nicht gut Auto fahren, ein Mann müsse die Familie ernähren, wenn Wissenschaftler beispielsweise glauben, dass alles genetisch oder durch die Umwelteinflüsse bedingt sei u.s.w.

Der Schweizer Hermann Rorschach hat einen projektiven Test entwickelt, dessen Ziel es ist, die Persönlichkeit des Probanden zu erfassen. Ein Proband wird angeleitet in Tintenklecks-Bildern etwas zu erkennen. Was jemand dabei allerdings erkennt, sagt mehr über die Person etwas aus als über das Bild selbst, denn, das was er sieht, sieht er gefiltert durch seine ganz persönliche innere Landkarte. Dies gilt für alles.

Ist Johann Sebastian Bachs Musik schön oder langweilig? Ich finde, sie ist sehr schön, beruhigend und inspirierend. Ein Mensch, dem beispielsweise Pop-Musik gefällt, mag sie vielleicht anders empfinden und sofort den Sender wechseln, wenn dort klassische Musik gespielt wird. Das heißt, dass jeder eine andere Wahrnehmung hat. So hat jede Wahrnehmung einen gewissen projektiven Anteil, da das individuelle Handeln, die ganz persönliche Art zu kommunizieren immer von der persönlichen Einschätzung, der eigenen Interpretation der Dinge und den dazugehörigen Assoziationen gesteuert wird. Wir schaffen manchmal auch eine gemeinsame Wahrnehmung, in der wir die Dinge gleich bzw. ähnlich sehen, d. h. dass wir von gleichen Werten und Denkmustern getragen sind. Das heißt aber nicht, dass die Dinge in der Tat so sind. Es ist vielmehr eine gemeinsam geschaffene Welt und als solche hat sie Lücken. Wir interpretieren also Ereignisse, Situationen oder andere Menschen hinsichtlich unserer inneren Landkarte. Andere Menschen dienen als Projektionsfläche.

Wenn mir dieser Prozess bewusst ist, dann habe ich die Basis geschaffen, dieses Projektionsmuster aufzubrechen, indem ich Abstand nehme und erkenne, dass meine Sicht der Dinge eben nur meine Realität ist und nichts oder nur wenig mit der Realität des anderen zu tun hat. Insofern kann ich eine Kultur des Verständnisses aufbauen, die mir hilft, mit Kritik ganz anders umzugehen. Ich verstehe, dass Kritik im Prinzip der Spiegel der Person ist, die die Kritik ausübt, so dass mich die Kritik nicht mehr trifft. Wie Dr. Wayne W. Dyer meint: Betrachte dich so, als seiest du ein Spiegel und reflektiere über das, was in dein Leben tritt, ohne zu urteilen und ohne dir eine Meinung zu bilden! Offen zu sein für das, was den anderen bewegt und zu erkennen, was mich in dem Augenblick bewegt hat, in dem ich eine Kritik ausgesprochen habe, hilft mir, mich frei zu machen von Interpretationen und Vorurteilen. Das ist wahrscheinlich die Freiheit, von der Karl Jaspers spricht. Eine Freiheit, die auf einer wertfreien Kommunikation aufbaut, in der die Bereitschaft da ist, miteinander zu reden, ohne voreingenommen zu sein. D. h. noch lange nicht, dass ich keine Meinung haben darf. Im Gegenteil, es hilft mir einfach nur zu erkennen, dass es neben meiner Meinung auch andere Meinungen gibt, die ko-existieren können, solange sie keinen Schaden anrichten.

Demnach ist es wichtig zu erkennen, dass das, was auch andere von mir sagen und wie andere über mich denken, ihr ganz persönliches Urteil ist, das mit der Realität nichts zu tun hat. Das hilft mir, mit Kritik besser umzugehen und selber vorsichtiger zu sein, wenn ich meine Meinung äußere. Sobald mir dieser Prozess bewusst ist, erkenne ich, dass niemand das Recht hat über mich zu urteilen und das macht mich frei. Wenn wir über jemanden gut urteilen, dann bedeutet das, dass er mit unseren positiven Werten in Einklang steht, wenn wir jemanden kritisieren, macht es Sinn, uns zu fragen, von welchen so genannten Schattenwerten wir in diesem Fall gesteuert werden. Schattenwerte sind Gefühle wie Neid, Eifersucht, Hass, Zorn, Angst u.s.w., kurz gesagt alle negativen Gefühle.

Als Eltern projizieren wir auch oft unsere Wertvorstellungen auf unsere Kinder. Anstatt mit unseren Kindern wirklich zu kommunizieren, sie also zu Wort kommen zu lassen, zu verstehen, was sie gerade beschäftigt und von welchen Wertvorstellungen ihr Handeln im Moment getragen ist, passiert es häufig, dass wir von ihnen verlangen, sich auf bestimmte Art und Weise zu verhalten, indem wir sagen, sie sollten dies und jenes tun und sie häufig zurechtweisen. Erkennen wir allerdings, dass gerade dieses Verhalten auf taube Ohren stoßen wird, weil sie sich dadurch unverstanden fühlen, dann trete ich aus meinem Erwartungsmuster heraus und begegne dem jungen Menschen als gleichberechtigten Partner. Ich zeige, dass ich an ihm interessiert bin und hole ihn dort ab, wo er sich gerade befindet. Indem ich mich in ihn hinversetze, fühlt sich der junge Mensch verstanden und fängt an, aufzumachen, in sich hineinschauen zu lassen und zu erkennen, dass er selbst die Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Aus einem „Du solltest jetzt endlich die Hausaufgabe machen!“ wird „Ich mache jetzt die Hausaufgabe, weil ich es für mich mache.“

Wenn ich meine Realität genauso wie die des anderen als Teilrealität erkenne, dann ist der Weg in die Freiheit geebnet. Durch eine neutrale Haltung habe ich nicht nur einen klareren Blick für das, was mir geschieht, sondern sie bietet die Basis, zuhören bzw. hinhören zu wollen und für mich selbst und den anderen Verständnis aufzubringen. Das Miteinander-Reden eröffnet uns dann, ganz im Sinne von Karl Jaspers, eine Welt in Freiheit und gegenseitigem Respekt.

 

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