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←    Das schöpferische Potential steckt in jedem von uns

Es ist nicht so, dass ich so klug bin, es ist einfach so, dass ich mich länger mit den Problemen auseinandersetze. (Albert Einstein)

Wenn ich an Menschen wie Albert Einstein denke, kommt mir unmittelbar der Begriff Genie in den Sinn. Ein Mensch mit außergewöhnlichen Begabungen, der aus der Masse hervorsticht. Ein Mensch mit einer herausragenden schöpferischen Geisteskraft und entsprechend herausragenden Leistungen.

Es ist zweifellos so, dass nicht alle Menschen Errungenschaften erzielen, die weltbekannt werden und die auf die gesamte Menschheit einen Einfluss haben; ob es sich dabei um Menschen handelt, die zu Lebzeiten bereits Anerkennung erfahren oder um solche, deren Genie erst nach ihrem Tod erkannt wird.

Nachdem der Geniebegriff im Laufe der Geschichte unterschiedlich interpretiert wurde und sich meistens mit einem Aspekt der nach außen manifestierten Außergewöhnlichkeit auseinandergesetzt hat, sehe ich darin die Außergewöhnlichkeit, sprich Einzigartigkeit, eines jeden Menschen. Tatsache ist, dass jeder Mensch im Grunde ein „geniehaftes“ Wesen hat, d.h. über eine kreative schöpferische Quelle verfügt, die zur Entfaltung gebracht werden kann. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass er sich seiner kreativen und schöpferischen Kraft bewusst ist, um dann im Einsteinschen Sinne an ihr zu arbeiten, um neue Wege gehen zu können.

Folglich sind zwei wesentliche Faktoren notwendig:

  1. Sich seiner Einzigartigkeit bewusst zu sein.
  2. Seiner Einzigartigkeit durch Einsatzbereitschaft, Ausdauer, Disziplin, Übung zur Entfaltung zu verhelfen.

In meiner täglichen Arbeit mit Jugendlichen, Kindern und Erwachsenen erlebe ich oft, dass sie nur selten diese ihre ganz individuelle Einzigartigkeit erkennen und sich deshalb von ihrer schöpferischen Quelle entfernen. Meistens verlieren sie durch äußere Einflüsse die Verbindung zu sich selbst und zu ihrer Identität. Sie bemerken, wie Søren Kierkegaard meint, viel leichter irgendeinen materiellen Verlust als jenen ihrer Identität. Dieses Abhandenkommen der Identität passiert ganz subtil und unbemerkt und ist deswegen besonders „gefährlich“.

Warum kommt es dazu?

Ein Hauptgrund dafür ist unsere Gesellschaft selbst, die auf dem Modell des Leistungswettbewerbs aufbaut, indem jeder mit jedem, alles mit allem verglichen wird. Dieser äußere Druck beginnt bereits im Säuglingsalter, wenn sich beispielsweise Mütter immense Sorgen machen, wenn sich ihr Kind nicht mindestens im Schnitt der Wachstumserwartung entwickelt, es nicht so isst, so schläft, sich so verhält wie andere Kinder auch. In der Schule beginnen die Vergleiche mit den Leistungen, die meistens in Form von Noten ausgedrückt werden. Viele Eltern meinen, ihr Kind müsse besser, klüger, intelligenter, weiser, sportlicher, aktiver, freundlicher, sozial tüchtiger sein als die anderen. Als Erwachsener ist der Mensch im beruflichen Wettbewerb ständigem Druck ausgesetzt, denn er muss mindestens eine Spur erfolgreicher und tüchtiger sein als der andere, da er sonst um seine Arbeitsstelle bangen muss. Es ist eine Gesellschaft, die sich dem Motto „do ut des“, „ich gebe dir, damit du mir gibst“ verschrieben hat und die durch den äußeren Druck dem Menschen die eigene Identität zu rauben scheint.

Dabei ist das Finden der eigenen Identität, der eigenen Einzigartigkeit die Voraussetzung für ein erfolgreiches Leben. Besinne ich mich auf meine ganz persönliche Einzigartigkeit, baue ich mein Selbstvertrauen und mein Selbstbewusstsein auf und erkenne gleichzeitig auch in meinem Mitmenschen diese Einzigartigkeit. Dadurch mache ich mich nicht mehr von den Urteilen anderer abhängig und das wirkt sich nicht zuletzt auch positiv auf die Stabilität der Gesellschaft aus. Da der Mensch dadurch in sich geankert ist und sich nicht so ohne weiteres aus den Fugen bringen lässt, ist er widerstandsfähiger, lässt sich von Rückschlägen nicht negativ beeinflussen und baut mit Vertrauen und Überzeugung auf seinen Fähigkeiten auf. Er weiß, dass seine Fähigkeiten das Aushängeschild seiner Identität sind und dass die Gesellschaft genau diese Fähigkeiten braucht.

Wenn wir den Erfolg unseres Lebens hingegen immer von der Reaktion der Umwelt, sei es in Form von Noten, von Anerkennung oder von Auszeichnungen abhängig machen, dann reagieren wir auf Kritik entsprechend empfindlich. Wir fangen an, an uns zu zweifeln und unsicher zu werden. Eine derartige Gemütslage mag sich vielleicht nicht unbedingt sofort auf unsere Leistungsbereitschaft negativ auswirken, aber zweifellos auf die Leistung selbst. Der emotionale Druck, der durch derartige Stresssituationen ausgelöst wird, hindert daran, mit der nötigen Gelassenheit an Aufgaben heranzugehen. Die Nervosität und Anspannung führt dazu, dass Fehler unterlaufen, weil man keinen klaren Kopf bewahren kann.

Ein Mensch hingegen, der seine Einzigartigkeit mit Freude bewusst annimmt, findet schließlich auch eine Antwort auf die Sinnfrage seines Lebens, er erkennt welche Aufgabe er wahrnehmen will und handelt entsprechend. Dies führt dazu, dass er sich selbst und andere als etwas ganz Besonderes dankend annimmt, sich entsprechend respektvoll verhält und im wahrsten Sinne des Wortes bereit ist, aus dem Rohmaterial einen Diamanten zu schleifen. Dies führt dazu, dass er Spaß empfindet, sein Potential zu entfalten und es in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Er ist kreativ, vertraut auf seine Kreativität, er bemüht sich um das Wohl anderer und die Belange der Gesellschaft, er entwickelt eine objektive und bejahende Lebensweise und verfügt nicht zuletzt über eine Problem zentrierte und nach Lösungen suchende Einstellung. Das bedeutet, dass er bei aufkommenden Schwierigkeiten nicht sofort aufgibt, sondern beharrlich weiterarbeitet, Ausdauer zeigt und so lange nach Lösungsmöglichkeiten sucht, bis ein Ergebnis erzielt wird.

Insofern ist in jedem Menschen diese schöpferische Kraft (dieses Genie) vorhanden, die es gilt, in Verbindung mit der entsprechenden Einsatzbereitschaft immer wieder aufs Neue zu entfalten. Eltern, Lehrer, Erziehungsberechtigte und jeder Einzelne selbst sind gefordert, das Potential der jungen Menschen frei zu legen, damit sie erkennen, welchen Wert sie haben und wie wichtig ihr Beitrag ist, den sie in die Gesellschaft bringen. Maria Montessori hat Recht, wenn sie sagt: „Befreie das Potential des Kindes, so wirst du es in die Welt entlassen können!“

 

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