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Die Dinge geschehen nicht. Die Dinge macht man geschehen. (John F. Kennedy)
Liest man John F. Kennedys Zitat, dann möchte man meinen, es stehe im Widerspruch mit einem Lebensansatz, der die Spontaneität in den Vordergrund stellt. Es scheint, als sei hier kein Platz für spielerische Momente, in welchen sich der Mensch ganz der Gegenwart hingibt, indem er sich vom Fluss treiben und es auf sich zukommen lässt, was ihm sein Leben beschert.
Sich dem Leben hinzugeben, hat aber nichts damit zu tun, passiv alles mit sich geschehen zu lassen. Es heißt vielmehr aus dem, was mir das Leben bietet, etwas zu machen, indem ich meinen Teil dazu beitrage, indem ich agiere, handle und eine Entscheidung treffe, auf das neue "Angebot" BEWUSST einzugehen oder eben nicht. Es ist immer meine Entscheidung, wie ich damit umgehe.
Begegne ich beispielsweise einem neuen Menschen, dann kann ich mich dafür entscheiden, ihn in mein Leben hereinzulassen oder nicht. Lasse ich ihn herein, dann bereichere ich mein Leben mit einer neuen Lebenserfahrung; lasse ich ihn nicht herein, dann behalte ich den Status Quo bei. Der Status Quo bietet mir allerdings keine Möglichkeit für Erneuerung, Veränderung, Entwicklung bzw. Wachstum. Ich bleibe stehen, schotte im Prinzip immer mehr von mir ab, ziehe mich in mich zurück, fange langsam an, die Umwelt als etwas Bedrohliches zu erleben und, was das Schlimmste ist, ich entferne mich immer mehr von meinem eigentlichen Wesen, dieser kreativen Ader in mir, die mit Spannung und Neugierde auf seine Umwelt reagiert.
Diese Abschottung von der Außenwelt, die Einstellung, sich nicht auf das Spiel des Lebens einzulassen, hat dem Schein nach eine sehr egoistische Komponente. Aber eben nur dem Schein nach, denn ein solcher Mensch tendiert abzublocken, seine anscheinend persönlichen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen, indem er alles, was um sich herum passiert, ablehnt, kritisiert und sich anscheinend die Freiheit zugesteht, sich nicht den "Regeln" der Gesellschaft zu unterziehen. Dabei merkt er nicht, dass er sich große und wertvolle Erfahrungs- und Lernmomente vorenthält, die sich auf seine persönliche Entwicklung keineswegs positiv auswirken. Insofern ist sein Verhalten alles eher als ein respektvolles Verhalten sich selbst gegenüber. Es ist ein Verhalten, das seinen eigenen Wert als Mensch missachtet, der Wert, in diesem Leben wichtig zu sein, eine bestimmte Aufgabe erfüllen zu dürfen, aus seinem Leben etwas zu machen, sich selbst und anderen gegenüber Wert zu schöpfen und dafür sorgen zu dürfen, in diesem Leben ein Mitspracherecht zu haben, etwas zu bewegen, sich lebendig zu fühlen, sich selbst zu achten und von anderen geachtet zu werden.
Insofern hat J. F. Kennedy recht. Es geht darum, die Dinge, die einem zufallen, geschehen zu machen. Die große Möglichkeit zu erkennen, aus den Dingen, die mir das Leben bietet, etwas zu gestalten, indem ich meinen Anteil dafür beitrage. Ich sitze nicht einfach nur da und warte, indem ich mich von außen lenken lasse, sondern ich agiere und gestalte, indem ich mir überlege, wie ich mich am besten einbringen kann. Anstatt darauf zu warten, dass mir ein Plan von außen (oder kein Plan) auferlegt wird, nehme ich die Entscheidung selbst in die Hand, einen Plan zu erstellen und diszipliniert so lange daran zu arbeiten, bis ich am Ziel angekommen bin. Wenn meine Aufgabe etwas mit meinem Wesen zu tun hat, dann komme ich automatisch in den Fluss, da ich intrinsisch, von meinem inneren Wesen angetrieben werde. Selbst äußere Schwierigkeiten lassen sich dann meistern, weil ich weiß, dass das, was ich mache, aus meinem Inneren kommt und mich anfeuert. Ich sehe die Schwierigkeiten, die sich in den Weg legen, nicht als unüberwindbare Hindernisse, sondern als Möglichkeiten, meine Einsatzbereitschaft zu stärken, so sehr zu stärken, dass ich mich immer wieder auf die Beine stelle und beharrlich, Schritt für Schritt, meinen Zielen nähere.
Wenn ich einen Berg besteige, so sind auch dort die ersten Schritte die anstrengendsten, weil mein Körper noch nicht auf die Bewegung eingestellt ist und mein Geist das Ziel noch zu weit von sich entfernt sieht, dass es manchmal einladend wirkt, auf die Besteigung zu verzichten. Überwinde ich aber diese ersten mühsamen Schritte und gebe mich der Bewegung und der Erfahrung hin, dann komme ich plötzlich in einen Zustand des aktiven Flusses. Trotz Anstrengung fühle ich mich angetrieben weiterzumachen, voranzukommen, denn ich fühle mich lebendig, ich erkenne, dass ich meinen inneren Schweinehund überwunden und mir zugestanden habe, die Entscheidung zu treffen, nach vorne zu schauen. Das macht mich stolz, es beglückt mich und zeigt mir vor allen Dingen auf, dass ich es mir wert bin, mein Leben nicht nur geschehen zu lassen, sondern es nach meinem Wesen mitzugestalten. Die Anerkennung, die ich mir selbst geben kann, sobald ich am Gipfel angekommen bin, stärkt meine intrinsische Motivation und hilft mir, auch in anderen Lebensprojekten das notwendige Durchhaltevermögen zu haben, um aus meinem Leben etwas zu machen. Die Projekte, für die ich mich entscheide, geben meinem Leben einen Sinn und werden nur erreicht, wenn ich die Dinge geschehen mache und wenn ich ihren Wert für mich erkenne.
Wie kann ich aber einen Wert überhaupt erst erkennen?
Meiner Meinung nach führt der wichtigste Weg, klare Wertvorstellungen zu entwickeln, nur über das eigene Werteempfinden. D.h. nur dann, wenn ein Mensch, seinen eigenen Wert erkennt, ist er bereit, diesen Wert nach außen zu tragen und auch den Wert in anderen Menschen zu erkennen. Wie der schottische Autor und Reformer Samuel Miles bereits Ende des 19. Jahrhunderts sagte, achten die Menschen auch die andere Persönlichkeit, wenn sie sich selbst achten.
Daher ist eines der wichtigsten Aufgaben der Erziehung (im Elternhaus und in der Schule), junge Menschen zu selbstachtenden Menschen zu erziehen, zu Menschen, die ihren Wert erkennen und erfahren, dass ihr Beitrag zählt. Wenn junge Menschen nicht mehr mitmachen, dann muss man sich fragen, ob diesem Aspekt auch zur Genüge Aufmerksamkeit beigemessen wurde.
In einer Studie von Jugendlichen in einer sehr anerkannten Vorortschule fand der Psychologe Mihaly Cscikszentmihalyi und sein Team heraus, dass die Jugendlichen zwar 12.7 % ihrer wachen Zeit mit ihren Eltern verbrachten, doch die Zeit allein mit dem Vater belief sich bloß auf fünf Minuten am Tag, wovon die Hälfte mit Fernsehen zugebracht wurde. Das bedeutet, dass es in relativ vielen Familien kaum zu einem wahren Austausch zwischen Kindern und Eltern kommt. Die knappe Kommunikation zwischen ihnen beläuft sich in vielen Fällen nur auf Vorwürfen, Anordnungen, Zurechtweisungen...
Ist das der Boden dafür, einen fruchtbaren Selbstwert im Jugendlichen aufzubauen?
Wohl kaum. Nehmen wir uns als Eltern und Lehrer also Zeit für unsere Kinder/Schüler! Sprechen wir mit ihnen, zeigen wir ihnen, dass wir an ihnen interessiert sind, tauschen wir uns mit ihnen aus... erkennen wir ihre Interessen und fördern wir sie, wo wir können, damit die Kinder und Jugendlichen erfahren, dass sie wertvoll sind, dass sie einzigartig sind und dass sie mit dieser Einstellung aus sich etwas machen können, was nicht nur ihnen selbst zugute kommt, sondern der ganzen Gesellschaft. Dann sind sie auch bereit, sich einzusetzen, da sie sich nach ihrem Wesen entfalten können. Starke Kinder und Jugendliche machen die Dinge, im Sinne von J.F. Kennedy, dann geschehen und wissen es, ihre Spontaneität mit Verantwortung zu verknüpfen.