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Wenn du die Menschen beurteilst, hast du keine Zeit, sie zu lieben. ((Mutter Teresa)
Vor einigen Jahren lernte ich einen jungen Mann kennen, dessen Körper von oben bis unten mit Tattoos übersät und dessen Gesicht von zahllosen Piercings durchstochen war. Sofort ließ ich mich von diesem äußeren Erscheinungsbild beeinflussen und schloss daraus, dass es sich in diesem Fall um einen unnützen, faulen und arbeitsscheuen Menschen handeln müsse. Diese meine Meinung beeinflusste mich so sehr, dass ich zu diesem Menschen Abstand hielt, ihn stets skeptisch beäugelte, so dass ich für ihn keine zuneigenden Gefühle aufbringen konnte.
Meine vorgefertigte Meinung hatte diesen Menschen abgeurteilt, ihn in eine ganz klare Schablone gezwängt, so dass es mir in meiner Blindheit nicht möglich war, ihm mit Wohlwollen zu begegnen.
Einige Jahre später begegnete ich diesem jungen Mann wieder. Als er mich erkannte, sprach er mich an und wir begannen, uns etwas zeitverzögert besser kennen zu lernen. Den ersten Schritt hat sicherlich er unternommen; aber im Laufe der Jahre habe ich selbst auch gelernt, Menschen nicht gleich zu kategorisieren und mir vielmehr zuerst ein persönliches Bild über eine tatsächlich stattgefundene Begegnung zu machen, anstatt mich vom äußeren Erscheinungsbild voreingenommen beeinflussen zu lassen. Diese neue Haltung hat mir ganz klar vor Augen geführt, dass es Sinn macht, jede Art von Vorurteilen abzustreifen und mit einer Einstellung des respektvollen Sich-Kennenlernens auf Menschen einzugehen.
Mit großer Freude konnte ich feststellen, welch’ großartiger, warmherziger und aufgeschlossener Mensch hinter der etwas auffälligen und nicht alltäglichen Fassade steckte und welch’ großen Fehler ich begangen hatte, diesem Menschen anfangs mit einer dermaßen großen Abneigung entgegenzutreten. Mutter Teresa hat in der Tat recht, wenn sie sagt, dass man Menschen nicht lieben kann, wenn man sie beurteilt.
Das Urteil schränkt das eigene Denken und Handeln ein. Vorurteile hindern daran, den Menschen über die vorgefertigte Meinung hinaus wahrzunehmen bzw. kennenzulernen. Wenn man von einem Menschen glaubt, dass er schlecht sei, dann wird er es schwer haben, einem vom Gegenteil zu überzeugen. Wenn einem ein Mensch mal Unrecht getan hat, dann glaubt man, dass dieser Mensch vielleicht immer ungerecht und unethisch handeln wird. Jemanden in eine gewisse Ecke zu drängen, bedeutet, diesem Menschen nicht die Chance zu geben, sich dem anderen in einer neuen oder anderen Form zu präsentieren.
Bertolt Brecht spricht in diesem Zusammenhang davon, dass uns jedes Vorurteil, alles, wovon wir glauben, dass es die absolute Wahrheit sei, davon abhalte, ein erweitertes Verständnis zu entwickeln. Wir enthalten uns dadurch großer, wichtiger Erfahrungen vor und schränken dadurch unser eigenes Wirkungsfeld und das des anderen merklich ein. Das Fatale daran ist, dass wir uns dieser Einschränkung gar nicht bewusst sind, sondern vielmehr glauben, das Richtige zu tun.
Wie oft ist es so, dass Kinder beispielsweise von ihren Eltern und/oder ihren Lehrern in solche Schubladen gezwängt werden. Anstatt sie so zu lieben und zu achten, wie sie sind, werden sie verbogen und kategorisiert. Wenn sie sich nicht den Erwartungen entsprechend entwickeln und nicht in die vorgefertigten Kategorien passen, dann werden sie als unruhig, undiszipliniert, unbegabt, unfreundlich... eingestuft und entwickeln sich unwillkürlich zu so genannten Problemfällen.
Anstatt der Frage nachzugehen, was macht dieses Kind aus, was und wie kann sich dieses Kind am besten entfalten, glauben wir, wir müssten es verbiegen.
Tatsache ist, dass einer Studie der Universität Köln zufolge heute rund viermal so viele Kinder und Jugendliche Neuroleptika als noch im Jahr 2000 verschrieben bekommen. In den USA liegt der Prozentsatz der Verschreibung von Psychopharmaka bei Kindern sogar bei mehr als 15 %. Das bedeutet, dass Kinder, die sich nicht der "Norm" nach entwickeln, nicht nur ausgegrenzt, sondern sogar mit Hilfe von Medikamenten zu "bändigen" versucht werden.
Hätte Mick Fleetwood, einer der bekanntesten Schlagzeugspieler der Welt, Eltern gehabt, die den Lehrern Glauben geschenkt hätten, dass er völlig unfähig und unbegabt sei, dann hätten sie ihn wahrscheinlich auf seinem Weg, die schulische Karriere gegen eine musikalische Karriere einzutauschen nicht unterstützt. Sie haben allerdings erkannt, dass seine schulischen Schwierigkeiten nicht gleichzeitig dafür stehen würden, dass er keine Qualitäten hatte. Sie liebten vielmehr seine "Andersartigkeit" und bereiteten ihm den Weg, seinen Traum, Schlagzeuger zu werden, verwirklichen zu können.
Kaum konnte er diesen Weg beschreiten, legte er alle Hemmschwellen ab und entwickelte ein Talent, das weltweit für Bekanntheit sorgte. Die bedingungslose Liebe und das urteilsfreie Handeln seiner Eltern ebneten ihm den Weg in seine erfolgreiche Musikerkarriere.
ZKen Robinson, ein international bekannter Erziehungsfachmann, ist ein großer Verfechter folgenden Gedankens, und zwar dass vor allen Dingen Kinder und Jugendliche vorurteilsfrei begegnet werden soll, damit sie ihre wahren, in ihnen liegenden Talente entwickeln können.
Um seine Theorie zu untermauern, erzählt er in seinen Werken und in seinen Vorträgen meistens folgende Geschichte: - Eine Volksschullehrerin hielt in ihrer Klasse von 6Jährigen einen Zeichenunterricht ab. In den hinteren Reihen der Klasse saß ein Mädchen, das normalerweise dem Unterricht kein Interesse abgewinnen konnte. Aber in dieser Zeichenstunde ging sie in ihrer Tätigkeit richtig auf. 20 Minuten lang zeichnete das Mädchen, in höchster Konzentration, auf ihrem Blatt und ließ sich von nichts ablenken. Die Lehrerin, fasziniert und überrascht, wie sehr dieses Kind sich konzentrierte, fragte es, was es denn zeichnete. Ohne sich unterbrechen zu lassen, antwortete das Mädchen wie aus einer Pistole geschossen: "Ich zeichne ein Bild von Gott." Daraufhin meinte die Lehrerin: "Aber niemand weiß, wie Gott aussieht!" Daraufhin antwortete das Mädchen ohne zu zögern: "In einer Minute wird es jeder wissen."
Die Lehrerin hat diese Antwort ohne Vorurteil stehen lassen, weil sie erkannt hat, wie sehr das Mädchen in seiner Aufgabe aufging und wie fasziniert es sich von seiner Vorstellungskraft hat leiten lassen. Für Kinder gibt es keine Einschränkungen und keine Vorurteile.
Vielleicht ist es ratsam, uns wieder mehr darauf zu besinnen, anderen Menschen (vor allen Dingen Kindern) ohne Vorurteile zu begegnen und ihre Andersartigkeit als Möglichkeit des persönlichen Ausdrucks und Wachstums lieben zu lernen!? Denn nur dann, wenn wir nicht beurteilen, nehmen wir uns auch die Zeit, für das Unbekannte offen zu sein und es vielleicht auch zu lieben.
Dr. Martina Holzer Geromin ist Coach und Erziehungsberaterin, Mitbegründerin von www.trans4mind.de und bietet neben Einzelberatungen auch sämtliche Workshops an (siehe www.be-you-unique.com).