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←    Hat das Vergeben eine befreiende Wirkung?

Vergebung ist der Schlüssel zum Handeln und zur Freiheit (Hannah Arendt)

Wie oft passiert es, dass man im Leben verletzt, beleidigt, gedemütigt oder enttäuscht wird. Von Freunden, Familienangehörigen, Arbeitskollegen, Mitarbeitern, kurz gesagt von anderen Menschen. Ein Freund, der sein Versprechen nicht eingehalten hat, ein Arbeitskollege, der hinter dem Rücken schlecht redet... Diese Erfahrungen zehren; Gefühle des Zorns, des Hasses oder der Rache kommen auf.

Solange sich ein Mensch von diesen Gefühlen tragen lässt, bleibt er aber in der Vergangenheit stehen; er macht sich sozusagen gefangen von seinen unangenehmen Erfahrungen. Die Erinnerungen bringen ihn immer wieder an den Ort des Geschehens zurück und stärken seine negativen Gefühle immer mehr. Je mehr er sich in diesem Topf der Erinnerungen aufhält, desto größer wird das Hassgefühl dem Menschen gegenüber, der ihm Unrecht getan hat.

Sich von diesem Hass zu befreien, geht im Grunde nur über die Vergebung. Vergeben heißt sozusagen, sich bewusst von der Lähmung zu befreien, die mit dem Hass einhergeht. Immer wenn man der Person begegnet, die einem Unrecht zugefügt hat, brodelt es in einem und man kann ihr nicht mit der nötigen Distanz entgegentreten. Man gibt ihr gar keine Chance mehr, ihren Fehler gut zu machen, weil das eigene Verhalten und Denken von den vorhergehenden Erfahrungen so sehr getrübt ist, dass ein neues Aufeinander-Zugehen gar nicht möglich ist.

Dadurch wird ein eigenartiger Prozess ausgelöst, und zwar ein Prozess der Abhängigkeit. Der Mensch, der einem Unrecht getan hat, übt insofern Macht über einen aus, als er dafür verantwortlich ist, den Menschen in der Vergangenheit haften bleiben und immer wieder aufs Neue die Verletzungen durchleben zu lassen. Diese Haltung lähmt, macht unfrei und gefangen, und anstatt dem Menschen zu helfen, seiner Einzigartigkeit Ausdruck zu verleihen, reduziert sie ihn auf die negativen Gefühle, die durch dieses vergangene Unrecht entstanden sind.

Das Vergangene ist aber unwiderruflich geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen. Vergangenheit bewältigen heißt nicht, es ungeschehen zu machen, es heißt auch nicht, Vergangenes zu vergessen. Es heißt vielmehr, vom Vergangenem loszulassen, indem wir zu vergeben lernen.

Laut Hannah Arendt (deutsch-jüdische Philosophin des 20. Jahrhunderts) heißt Verzeihen nicht, Vergangenes rückgängig zu machen oder so zu tun, als sei das Unrecht nie geschehen, sondern es hat vielmehr mit der Einsicht zu tun, dass der Täter nicht ein für allemal in seiner Tat gefangen bleiben muss und dass ich ihm durch das Vergeben die Möglichkeit einer Zukunft zuerkenne.

Das Zugeständnis dieser Perspektive gibt auch dem Verzeihenden die Möglichkeit, selbst aktiv diesen Prozess in Gang zu setzen. Der Mensch macht sich sozusagen durch das Verzeihen frei. Hannah Arendt spricht in diesem Zusammenhang von der Freiheit des Handelns. Für sie ist der Mensch gekennzeichnet durch das, was sie die Natalität nennt, "kraft deren jeder Mensch einmal als einzigartig Neues in der Welt erschienen ist. Wegen dieser Einzigartigkeit, die mit der Geburt gegeben ist, ist es, als würde in jedem Menschen noch einmal der Schöpfungsakt Gottes wiederholt und bestätigt..." Weil jeder Mensch durch die Geburt ein Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen also Initiative ergreifen und handeln.

Vergeben heißt also, sich bewusst dafür zu entscheiden, dem anderen für sein Unrecht zu verzeihen, damit man in seinem Handeln nicht unterbrochen wird, damit man frei bleibt, weiterhin Neues zu schaffen, sich auf Neues einzulassen und nicht in alten Mustern gefangen zu bleiben.

Vergeben ist mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen, weil es viel Mut und Ausdauer braucht, um Menschen, die einem Unrecht getan haben, deswegen nicht ein für allemal abzustempeln. Es bedeutet, dass man sich immer wieder im Heute neu auf diese Person einlässt, indem man ihr die Fehler aus der Vergangenheit zwar nicht entschuldigt, aber vergibt.

Vergeben kann man dann, wenn man erkennt, dass man selbst auch Unzulänglichkeiten hat, dass man selbst auch nicht immer richtig handelt. Diese Erkenntnis erlaubt es, Fehlern einen nicht zu großen Stellenwert einzuräumen, sondern sie vielmehr als einzelne Episoden in einem Kontinuum zu sehen und nicht als absolute Größe. Der einzelne Fehler macht nicht den ganzen Menschen aus. Die einzelne Episode nicht das Kontinuum.

Das Verzeihen kann in folgenden Schritten durchgeführt werden:

1. Sich bewusst für das Vergeben entscheiden! Um vergeben zu können, ist es zuerst notwendig, sich dafür zu entscheiden, dem anderen zu vergeben. Das benötigt Mut, um sich den verletzten Gefühlen zu stellen, sie nicht mehr zu verdrängen, sondern bereit zu sein, sie anzusehen und die begangene Schuld zu betrachten.

2. Die schmerzvollen Gefühle zulassen! Wenn man den schmerzvollen Gefühlen gegenüber keinen Widerstand mehr leistet, sie einfach nur annimmt, indem man sie zulässt und sie beobachtet, nimmt man ihnen die Macht. Das Wahrnehmen der Gefühle führt wahrscheinlich nicht sofort zur Vergebung, aber durch ein kontinuierliches Sich-damit-Auseinandersetzen kommt der Moment, in dem Vergebung geschehen kann. Dabei kann es helfen, sich von einem Experten, einem Freund, einer Vertrauensperson helfen zu lassen, um im Stande zu sein, die Gefühle zuzulassen und das Geschehene langsam von einer anderen Perspektive zu sehen. Dadurch entsteht Distanz, und man erkennt, dass man sich nicht mehr in der Rache, dem Zorn, dem Hass aufhalten muss, um sich von schmerzvollen Erlebnissen zu lösen.

3. Die schmerzvollen Erlebnisse loslassen! Sobald die Gefühle verarbeitet sind, kann man durch die aufgebaute Distanz erkennen, dass das Erlebte der Vergangenheit angehört und bei entsprechender Verarbeitung nicht mehr die Zukunft beeinflussen muss. In diesem Augenblick eröffnet sich plötzlich die Perspektive des tatsächlichen Vergebens. Dabei ist es gar nicht unbedingt notwendig, dass die Person, die einem Schmerz zugefügt hat, ihre Tat/en bereut oder nicht. Durch den nötigen Abstand hat man nämlich den Schmerz in Vergeben transzendiert, aus Rache, Zorn oder Hass wurde Erbarmen. Der Mensch hat dann den Boden in die Freiheit geebnet, weil er sowohl das Ereignis als auch den Menschen, der für das Ereignis verantwortlich ist, loslässt. In dieser Phase löst man sich sozusagen vom negativen Bild des anderen, das man aufgrund der Verletzung von ihm hat. Man erkennt plötzlich, dass dieser Mensch nicht nur aus diesem Bild besteht und auch andere Facetten hat.

4. Für das Handeln frei sein! Diese objektive, auf das Vergeben beruhende Angehensweise, hilft dem Menschen, sich vom Ballast frei zu machen und entsprechend zu handeln. Dadurch, dass der Mensch nicht mehr nur als schuldige Person wahrgenommen wird, spielt die Schuld selber keine bestimmende Rolle mehr. Dadurch fühlt man sich beim Gedanken oder in Anwesenheit dieser Person nicht mehr eingeschränkt, beengt oder unwohl. Man fühlt sich plötzlich befreit und offen für das Handeln im Hier und Jetzt, damit Zukünftiges entstehen kann.

Vergeben ist sicherlich kein einfaches Unterfangen. Es bedarf der Ausdauer, der Geduld und ständigen daran Arbeitens. Die befreiende Wirkung dieses Prozesses zahlt sich aber allemal aus, diesen Weg zu beschreiten, da nur dadurch der schöpferischen Kraft des Menschen wieder Ausdruck verliehen werden kann.

Dr. Martina Holzer Geromin ist Coach und Erziehungsberaterin, Mitbegründerin von www.trans4mind.de und bietet neben Einzelberatungen auch sämtliche Workshops an (siehe www.be-you-unique.com).

 

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