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Warte nicht auf einen Anführer; mach' es alleine, von Mensch zu Mensch! (Mutter Teresa)
Jeder Mensch unterscheidet sich vom anderen, jeder Mensch ist mit ganz spezifischen Eigenschaften und Begabungen ausgestattet; er ist einzigartig, mit keinem anderen Menschen vergleichbar und sozusagen bereits auf seine Art und Weise perfekt. Dieses Wissen um seine Einzigartigkeit hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern damit, dass der Mensch seinen Wert erkennt und damit auch die Verantwortung, die sich aus seinen konkreten Talenten und Fähigkeiten ergeben.
Die Aufgabe der Erziehung liegt also darin, dem jungen Menschen dabei beizustehen, seine Talente in sich zu entdecken, ihm aufzuzeigen, wie wichtig er ist und wie sinnvoll es ist, dass er sich seinen Begabungen entsprechend entfaltet, damit er dann im Stande ist, die seinem Wesen entsprechende Aufgabe mit Freude und Verantwortungsbewusstsein zu übernehmen.
Die Erkenntnis, dass Kinder schon bereits perfekt sind, definiert die Aufgabe der Eltern demnach klar und deutlich: Sie müssen ihnen helfen, diese Einzigartigkeit zu erkennen und sie dabei unterstützen, ihre ganz persönlichen Fähigkeiten und Talente zu entwickeln, sich ihrer Kreativität zu bedienen und sich so zu einer selbstbewussten und verantwortungsbewussten Persönlichkeit zu entfalten. Es geht also nicht darum, die Kinder nach den Vorstellungen der Eltern zu modellieren, sondern sie im Prozess ihrer Persönlichkeitswerdung zu begleiten und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.
Dabei ist es wichtig, ihnen die Verantwortung für ihr eigenes Handeln klar zu machen, indem ihre intrinsische Motivation "angefeuert" wird, eine Motivation, die ihrem Inneren entspringt. Es ist eine Motivation, die sie mit Erfahrungen konfrontiert, die ihnen aufzeigen, dass alles, wofür sie sich interessieren, wie von alleine die Motivation findet, weil sie in den Fluss kommen. Sobald ein Mensch merkt, dass das, was er macht, etwas mit ihm zu tun hat, dass die Auseinandersetzung mit einem Thema oder einer Aufgabe, seinem Wesen entspricht, empfindet er Spaß und Freude an seinem Tun. Dies wiederum stärkt sein Selbstwertgefühl und vermittelt ihm die Erkenntnis, dass er wichtig ist und dass er durch sein ganz individuelles Tun Wert schöpfen kann, unabhängig davon, was diesen Wert im Spezifischen ausmacht. Der eine mag andere erfreuen, indem er sportliche Leistungen erbringt und mag so zum Vorbild für andere werden, der andere mag sich für Literatur interessieren und seine Leidenschaft für sie an andere weitergeben, indem seine Texte zum Nachdenken anregen oder einfach nur Freude bereiten...
Die positive Selbstwahrnehmung zeigt dem Menschen, dass er nicht auf andere warten muss, dass sein Tun nicht davon abhängig ist, was andere von ihm halten oder von ihm verlangen, sondern er tut es einfach allein. In ihm ist nämlich die Erkenntnis gewachsen, dass er sein eigener Anführer ist, dass er aus freiem Willen durch seinen persönlichen Einsatz die Dinge in die Hand nehmen, etwas bewegen, beisteuern und Verantwortung übernehmen kann und will.
Was können Eltern zum Beispiel tun, um ihr/e Kind/er zu gefestigten Persönlichkeiten zu erziehen
1. Vertrauen schenken. Wenn wir vom Konzept ausgehen, dass wir alle perfekt sind und über ganz spezifische Fähigkeiten verfügen, müsste es an sich einfach sein, voller Vertrauen die Herausforderungen des Lebens anzunehmen. Umso wichtiger ist es, den eigenen Kindern dieses Vertrauen entgegenzubringen. Je mehr unsere Kinder von klein auf erfahren, dass wir Eltern in ihnen respektwürdige Persönlichkeiten sehen, die aus ihren Lebenserfahrungen lernen können, desto mehr Selbstsicherheit eignen sich unsere Kinder an.
Das Vertrauen, das Eltern ihren Kindern entgegenbringen, ist die Grundlage für das Urvertrauen, das jedem Menschen die nötige Stabilität gibt, um den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein.
2. Verantwortung übertragen. Junge Menschen müssen erfahren, dass sie mitentscheiden können und ihnen somit Verantwortung übertragen wird. Sie erkennen so, dass sie ein wichtiger Teil der Familie und der Gesellschaft sind, und dass es einen Unterschied macht, ob und wie sie mitarbeiten. Dieses aktive Verflochtensein mit dem Umfeld hebt ihr Selbstwertgefühl und wirkt sich zudem positiv auf die Identifikation mit der Familie und der Gesellschaft, in der sie leben, aus. Das Elternhaus wird als ein Ort empfunden, zu dem man nicht gehören muss, sondern zu dem man gehören will. Dieses Zugehörigkeitsgefühl ist eines der wichtigsten Voraussetzungen für gelingende und gelungene Erziehung.
Verantwortung übernehmen muss von klein auf antrainiert werden. Eltern müssen lernen, den Spagat zu schaffen, ihre Kinder in Verantwortungsprozesse einzubinden und es ihnen zu erlauben, aus den eigenen Handlungen zu lernen. Das kleine Kind kann langsam daran herangeführt werden, beispielsweise im Haushalt mitzuhelfen. Wenn es größer wird, kann es mitentscheiden, was man am Wochenende macht, wie man es gestaltet, wohin man in den Urlaub fährt usw. Dabei erfährt sich das Kind/der Jugendliche nicht mehr als passives Wesen, sondern erkennt, dass es/er den Lauf der Dinge beeinflussen kann, indem er/es bereit ist, eine verantwortungsbewusste Rolle zu übernehmen, die ihm nicht aufgezwungen wird, sondern auf die er/es langsam hingeführt wird (ohne dabei unter- bzw. überfordert zu werden).
3. Bedingungslos lieben. Um eine starke und verwurzelte Persönlichkeit zu entwickeln, muss sich das Kind bedingungslos geliebt fühlen - ohne Wenn und Aber. Eine bedingungslose Liebe stellt keine Forderungen, erhebt keine Ansprüche. Sie teilt dem jungen Menschen mit, dass er ok ist, genau so, wie er ist, denn, wie bereits Antoine de Saint Exupéry sagte, beginnt die wirkliche Liebe dort, wo keine Gegenliebe mehr erwartet wird.
Die Aussage: "Ich habe dich lieb!" ist die wichtigste Aussage, die ein Kind nicht oft genug hören und fühlen soll. Diese Aussage soll niemals an eine Forderung gekoppelt sein, denn wenn ich beispielsweise meinem Kind sagte: "Ich liebe dich, wenn du deine Hausaufgaben machst!", dann teile ich ihm damit mit, dass ich es nicht liebe, wenn es die Hausaufgaben nicht macht. Es erfährt, dass die elterliche Liebe eine bedingte Liebe ist und nichts oder nur wenig mit der Person zu tun hat. Diese Aussage vermittelt dem Kind, dass wir Eltern es modellieren wollen und ihm nicht die freie Entfaltung zuerkennen. Eine Liebesbekundung mit "wenn" oder/und "aber" ist manipulierend und verunsichert. Es vermittelt dem Kind ganz klar, dass es nur bedingt geliebt wird.
Es geht vielmehr darum, ihm von klein auf mitzuteilen, dass seine Einzigartigkeit dankend angenommen wird, dass man sie erkennt und sie entsprechend schützt und hütet. Hier ist kein Platz für Vergleiche, denn jeder ist anders und einzigartig. Tatsache ist, dass jeder Mensch in einem das Individuum respektierende Umfeld seine bereits angelegten Eigenschaften am besten zur Entfaltung bringt.
4. Grenzen setzen. Kinder mit Respekt begegnen, sie bedingungslos zu lieben und ihnen mitzuteilen, dass sie ok sind, hat aber auch damit zu tun, dass wir ganz klare Regeln festlegen. Regeln, an die sich alle halten müssen, auch die Eltern. Ein Kind verlangt nach klaren Strukturen, weil es sich im Chaos zurechtfinden möchte, daher verlangt es nach starken Eltern. Eltern, die wissen, was sie für sich wollen und wo die Grenzen liegen, die nicht überschritten werden dürfen, weder von den Kindern noch von den Eltern. Solche Grenzen beginnen dort, wo Eltern ihre Grenzen für sich selbst festlegen. Dem Kind zum Beispiel die Einstellung zu vermitteln, dass Rechnungen bezahlen nicht etwas Schlechtes ist, sondern dass ich dafür einen Dienst in Anspruch oder ein Produkt erhalten habe und dafür dankbar bin, hilft dem Kind, einen ehrwürdigen Umgang mit Geld zu entwickeln.
Weiters ist es wichtig, dem Kind, wenn es Grenzen überschreitet, mit einem klaren und sicheren, aber freundlichen Nein entgegenzutreten. Wenn mein Kind in seinem Zimmer Unordnung hat, dann kann ich ihm die Freiheit geben, sich in seiner Unordnung wohl oder nicht wohl zu fühlen, aber ich kann und muss von ihm verlangen, von klein auf, die gemeinsamen Bereiche sauber und ordentlich zu halten. Wenn ich das Kind von Anfang in Aufgaben einbinde und mich selbst vor diesen Aufgaben nicht zurückziehe, diese Aufgaben auch nicht geringschätze, sondern vermittle, sie mit Freude auszuführen, dann färbt sich das auf das Kind ab.
5. Loslassen. Es gibt ein englisches Sprichwort, das sagt, dass jeder Schritt, den ein Kind nach seiner Geburt macht, ein Schritt weg von seinen Eltern ist. Es ist in der Tat so, dass uns Kinder nicht gehören; Kinder sind uns, wie es auch die religiösen Schriften beteuern, anvertraut, um sie auf dem Weg in die Selbstständigkeit bzw. Unabhängigkeit zu begleiten. Mit dem ersten Schritt, den das Kind unternimmt, bewegt es sich von seiner Mutter/seinem Vater weg. Es bewegt sich weg vom Bekannten (Mutter) ins Unbekannte (die Welt um es herum). Dabei wird es angetrieben von der in ihm angelegten Neugierde, der Verbindungsstelle zur bereits vorhandenen Kreativität. Ein Kind wird neugierig geboren, es verfügt bereits über in ihm schlummernde Talente, die aber nur zu Fähigkeiten entwickelt werden können, wenn es ein Umfeld vorfindet, in dem es sich entwickeln darf.
Insofern kommt dem Loslassen eine bedeutende Rolle zu. Ich muss es dem Kind erlauben, auf "Abenteuersuche" zu gehen, ansonsten wird es frustriert, demotiviert und es verliert das Interesse an dem, was in ihm brennt. Ist das Feuer erst mal erloschen, ist es schwer, es wieder anzufachen.
Loslassen hat auch ein Stück damit zu tun, dass ich es meinem Kind zutraue, immer mehr Schritte alleine, unabhängig von mir, zu unternehmen. Eine Entwicklung, die in der völligen Unabhängigkeit mündet. Wobei Unabhängigkeit nichts mit Liebesverlust zu tun hat. Im Gegenteil, ein junger Mensch, der an seiner Seite Eltern hat, die ihm vertrauen, wird zu seinen Eltern ein Leben lang eine starke, gesunde Bindung empfinden. Die geographische Distanz wird diese emotionale Bindung nicht schmälern, im Gegenteil, der gegenseitige Respekt festigt die Eltern-Kind-Beziehung, da alle Beteiligten wissen, sich aufeinander verlassen zu können.
Das Kind erfährt, dass es zählt und beisteuern kann, in der Welt eine konkrete Aufgabe zu erfüllen und eine gerechtere Welt zu gestalten. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, muss es "flügge" werden und das Leben selbst in die Hand nehmen. Eltern müssen daher lernen, es ziehen zu lassen, in Liebe und Vertrauen. Das sind die großen Herausforderungen an die Erziehung.
Erst durch das Loslassen erfährt sich das Kind als eigenständiger Mensch, dem man es zutraut, Selbstverantwortung zu übernehmen. Es erlebt sich als gestärkte Persönlichkeit, die mit großer Entschiedenheit und Bereitschaft, das Leben Schritt für Schritt selbst in die Hand nehmen will.
Es entwickelt sich zu einem Menschen, der bereit ist, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und nicht darauf wartet, bis ihm jemand die Aufgabe abnimmt; er geht sein Leben mit einer Einstellung des Tuns und nicht des Wartens an; eine Einstellung also, die ihn zum Akteur macht.